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Ansprache der Trauergemeinde

Pfarrer Thorsten Melchert

Foto: Peter Dördelmann
Foto: Peter Dördelmann

Wir sind hier zusammengekommen, um von Adelheid Gräfin vom Hagen Abschied zu nehmen.

Sie wurde am 16.12.1920 in Niedergebra als Marianne Klara Renate Adelheid Gräfin vom Hagen geboren und verstarb am Montag, dem 02.01.2012 im Alter von 91 Jahren im Krankenhaus in Lüdinghausen.

 

Aufgewachsen in Niedergebra

Adelheid Gräfin vom Hagen wuchs als viertes Kind in Niedergebra auf. Ihre beiden Brüder fielen im 2. Weltkrieg, ihre Schwester starb 1946. An die Schulbesuche in Nordhausen schloss sich die Ausbildung mit dem Ziel eines Landwirtschaftsstudiums an. Kriegsbedingt begann sie statt des Studiums eine Ausbildung als Schwesternhelferin des Roten Kreuzes. Als Schwesternhelferin war sie bis zum Ende des Krieges in Berlin und Paris im Einsatz. Über das Jahr 1945 schrieb sie:

„Ich durfte, Gott Dank!, gesund heimkehren und glauben, dass diese Zeit mein Leben mit geprägt hat.“

 

Flucht nach Westfalen

1945 und 1946 half sie in Friedland mit geretteten Pferden von Mitvertriebenen, Menschen über die Zonengrenze zu bringen. 1953 kam sie durch ihre Cousine Renate Gräfin vom Hagen nach Westfalen. In Olfen fand sie ihre zweite Heimat und konnte die Rot-Kreuz-Arbeit fortsetzen, der sich auch Renate Gräfin vom Hagen verschrieben hatte.

 

Engagement im DRK

Schon damals hat sie sich stark im Roten Kreuz engagiert. Im Jahr 1962 leitete sie eine Hilfszugabteilung des Landesverbandes bei der Sturmflutkatastrophe in Hamburg. Auch andere überregionale Aufgaben übernahm sie beim DRK: die Bezirksleitung für Frauenarbeit, von 1978 – 1996 war sie Landesleiterin der DRK-Frauenarbeit für Westfalen-Lippe, 1985 leitete sie auch den Bundesfrauenausschuss.

 

Nach dem Tod ihrer Cousine übernahm sie 1975 den Vorsitz im DRK Olfen, den sie bis Januar 2006 innehatte. Im Juni 2008 wurde sie zur Ehrenvorsitzenden des Olfener DRK-Ortsvereins ernannt. Für ihr vielfältiges Engagement beim DRK wurde sie mit dem Ehrenzeichen des DRK und der Verdienstmedaille des DRK Landesverbandes ausgezeichnet.

 

Viele ehrenamtliche Aktivitäten

Zudem war sie Schöffin beim Amtsgericht Lüdinghausen, Mitglied verschiedener Vereine, Ausschüsse und Gruppen, so auch Mitbegründerin und Ehrenmitglied der Chorgemeinschaft '82, der ich für die Mitgestaltung der heutigen Trauerfeier herzlich danke.

 

Zudem gehörte sie in Nachfolge ihrer Cousine Renate Gräfin vom Hagen dem Presbyterium unserer Kirchengemeinde von 1975 – 1996 an.

 

1981 stellte sie eine Partnerschaft mit der Evangelischen Kirchengemeinde Niedergebra her und 1990 die Partnerschaft der katholischen Kirchengemeinden Olfen und Friedrichslohra, der Nachbargemeinde von Niedergebra.

 

Manchen aus unserer Gemeinde – u.a. den Damen des Mütterkreises - ist der denkwürdige Gottesdienst zur Deutschen Einheit in Niedergebra noch in sehr guter Erinnerung. Besuche und Gegenbesuche sind Bestandteil dieser Partnerschaft. So dürfen wir heute auch Gäste aus Niedergebra ganz herzlich begrüßen.

 

Neben der Partnerschaft mit Niedergebra lag ihr die Ökumene, auch die weltweite Ökumene sehr am Herzen.

 

Bundesverdienstkreuz am Bande und Verdienstkreuz

Für ihre zahlreichen Verdienste und ihr umfangreiches Engagement, welches hier nicht vollständig aufgeführt werden kann, erhielt sie 1982 das Bundesverdienstkreuz am Bande durch Bundespräsident Carstens „in Anerkennung der um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste“ und 2003 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen „in Anerkennung besonderer Verdienste um das Land Nordrhein-Westfalen und seiner Bevölkerung.“

 

Ein umfangreiches Engagement in vielfältiger Weise, wo jeder von uns noch das eine oder andere ergänzen könnte.

 

Die Krone des Lebens

„Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Mit diesem Vers aus der Offenbarung nach Johannes 2, 10 wurde sie am 05. April 1931 konfirmiert. Dieser Vers war damals ein beliebter Konfirmationsspruch – verständlich, wenn alles „drunter und drüber“ geht.

 

Woran soll man sich in schwierigen Zeiten halten? Was für Ziele soll man sich setzen? In schwierigen Zeiten, die ja auch im Rückblick auf das Leben von Adelheid Gräfin vom Hagen zum Ausdruck kommen, kann man sich manchmal nicht viel mehr vornehmen, als durchzuhalten und zu hoffen, dass Gott den schwierigen Zeiten ein Ende machen möge – ein gutes Ende.

 

Gedanken aus der Bibel

„Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Dies hat Vielen die Kraft zum Glauben gegeben. Der Seher Johannes schreibt diesen Vers in seinen Trost- und Mahnbriefen an sieben Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei. Die Zahl „Sieben“ meint die Vollkommenheit. So stehen die sieben Gemeinden beispielhaft für die ganze Christenheit. Die Christen, an die sich sein Schreiben, das Buch der Offenbarung nach Johannes, richtete, litten unter der Verfolgung des römischen Staates.

 

Nachdem sich die Christen von der jüdischen Synagogengemeinde getrennt hatten, konnten sie nicht mehr den öffentlichen Schutz in Anspruch nehmen, der dem jüdischen Glauben gewährt worden war. Sie waren gezwungen, den Kaiser als Gott anzubeten. In Rom herrschte zu der Zeit Kaiser Domitian. Sein Pferd ernennt Domitian zum Senator in Rom. Das zeigt, wie überdreht er war. Wie kein Kaiser zuvor verlangte er, als Gott verehrt zu werden. In jeder Stadt ließ er ein Kaiserstandbild errichten und verlangte Weihrauchopfer.

 

Hingegen Gott die Treue zu halten, dem einen und einzigen Gott, dem Vater des Jesus von Nazareth, dem Menschen, der – wie es im Zusammenhang dieses Verses heißt: „Der Tod war und wieder lebendig ist.“ – das hieß:

• dort nicht vor dem Kaiserbild niederzufallen,

• dort keine Opfer darzubringen,

• dort keine Kompromisse einzugehen

 

Albert Schweitzer schrieb

„Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!" Albert Schweitzer schrieb in einer Predigt zu genau diesem Vers vor fast 100 Jahren auf den Tag genau, am 25. Februar 1912: „Wir stellen uns unter `Krone des Lebens´ kein Diadem vor, das auf unsere Stirn gedrückt wird, wenn dieses Dasein hinter uns liegt und etwas Neues beginnen soll. Sondern wir wissen: Die Krone des Lebens trägt an sich, wer hier treu ist, … unser Glück liegt darin, dass wir im Tiefsten unseres Wesens treu sind.“

 

Ihre Glaubessüberzeugungen

In den Unterlagen, die Sie, Gräfin vom Hagen, mir beim Trauergespräch in der letzten Woche gaben, drückt Adelheid Gräfin vom Hagen dies mit den Worten aus:

„Allein dem Herrgott sei Dank, dass er mir Gesundheit und Kraft zum Handeln schenkte.“

In diesen Unterlagen findet sich auch der Vers, der auch auf der Todesanzeige zu lesen ist:

„Was du für Andere tust, bestimmt den Wert deines Lebens.“

 

„Treue im Glauben“, Dankbarkeit, schlimme Zeiten hinter sich zu haben und dann die Wende für sich zu bekommen, sich für das Allgemeinwohl in vielfältiger Weise einzubringen und Verantwortung zu übernehmen: mir scheint, das geht nur mit innerer Festigkeit und einem starken Glauben. In einem Gebet, welches sich ebenfalls in diesen Unterlagen befand, heißt es:

„Herr Gott, du bist es, der mein Leben so geordnet hat. …Ich danke dir für die erfüllte Vergangenheit, die du mir geschenkt hast und opfere dir die Gegenwart auf. Die Zukunft vertraue ich deiner allgütigen Liebe an.“

 

Hier schließt sich der Bogen von dem Vers über der Todesanzeige zu dem Konfirmationsspruch: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!"

 

Abschied nehmen

Heute nun gilt es Abschied zu nehmen: von Ihrer Tante und Großtante, Ihrer Verwandten, von Adelheid Gräfin vom Hagen – oder wie sie in Olfen genannt wurde: „Gräfin Heidi“. In Gedanken lässt man das Leben noch mal Revue passieren. Erinnerungen kommen auf. Eine Beerdigung ist ein Abschied. Ein Abschied für immer – so sagt man, aber dennoch behält man die verstorbene Person in der Erinnerung, in Gedanken, im Herzen bei sich. Auch wenn sie nicht mehr leibhaftig präsent ist, so ist sie dennoch da: in eben dieser Erinnerung, in eben diesen Gedanken.

 

Dass die Wege unseres Lebens oft verschlungen und verworren sind, wird deutlich an einem so reich gefüllten Leben wie dem, von dem wir heute Abschied nehmen müssen.

Dass Gott uns diese Wege führt – darauf vertrauen wir.

Dass Gott uns diese Wege zeigen möge – darauf hoffen wir.

In dieser Hoffnung und in diesem Vertrauen hören wir nun die Chorgemeinschaft mit „Deine Wege, Herr, mir zeige“ von Johann Sebastian Bach.

 

Und der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Thorsten Melchert