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Die Regenbogenkinder

Eine Geschichte von H.-M. Große-Oetringhaus

 

Grünkind lebte in einem grünen Haus. Alle Häuser in seinem Land waren grün. Und die Straßen auch. Auf ihnen fuhren nur grüne Autos. Die Felder waren nicht nur im Frühling und Sommer grün, sondern das ganze Jahr hindurch. Bei den Blumen und Sträuchern war es nicht anders. Alle Tiere hatten natürlich ein grünes Fell oder grüne Federn. Und niemand wundert es, dass die Menschen ebenso grün waren. Grünkind hatte seinen Namen also nicht zufällig. Alles in seinem Leben war grün. Grünkind fand das ganz normal. Es war glücklich. Manchmal allerdings verspürte es eine Langeweile, die es sich nicht erklären konnte.

 

Blaukind hatte noch nie etwas von Grünkind gehört, und gesehen erst recht nicht. Wie sollte es auch! Blaukind lebte nämlich im Blauland. Der Name verrät sofort, dass alles in diesem Land blau war: die Menschen und Tiere, Blumen und Bäume, Straßen und Fabriken, Kindergärten und Schulen. Selbst die Feuerwehr war blau. Sogar alle drei Lampen der Ampeln leuchteten in blau auf. Das sorgte gelegentlich für ein großes Durcheinander auf den Kreuzungen, aber Blaukind störte das nicht, denn es hatte kein Auto und spielte den größten Teil des Tages mit seinem blauen Meerschweinchen. Blaukind hätte sich glücklich gefühlt, wenn da nicht ein Gefühl gewesen wäre, das es nicht so recht beschreiben konnte. Es war manchmal so, als ob sich Blaukind innerlich leer fühlte.

 

Rotkind ging es nicht viel anders. Obwohl alles, was es umgab, in den schönsten Rottönen leuchtete, seine Lieblingskatze genauso wie Schokolade, Toilettenpapier, Frühstücksbrötchen und Schlagsahne, ödete all das Rot es gelegentlich an.

 

Wie es Gelbkind in seinem durch und durch gelben Land erging, kann sich jeder denken. Gelbkind war zufrieden mit seinem gelben Leben, genoss es, seinen gelben Hund spazieren zu führen und ihm, wenn er besonders gut Männchen machte, eine gelbe Wurst zu geben.

 

Eines Tages, als Gelbkind mit seinem gelben Hund durch die gelben Felder streifte, entdeckte es über sich einen bunten Regenbogen. Gelbkind kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da waren Farben am Himmel, die es noch nie zuvor gesehen hatte. Gelbkind konnte sich nicht satt genug sehen. Es wollte die anderen Farben haben. Zumindest etwas von dem Grün für die Hütte seines Hundes. Nur, wie sollte es an den Regenbogen heranreichen? Er war viel zu hoch. Darum kletterte Gelbkind auf einen Berg, um besser an den bunten Bogen heranreichen zu können. Doch als Gelbkind den Gipfel erreicht hatte, sah es plötzlich zwei Kinder vor sich, die ganz und gar von einer Farbe waren, die es bisher nur vom Regenbogen kannte.

 

„Wer seid ihr?", fragte es verwirrt und neugierig zugleich.

„Ich bin Grünkind"; sagte ein Kind.

„Und ich heiße Blaukind"; antwortete das andere.

„Und wer bist du?"

„Gelbkind, das seht ihr doch!"

Misstrauisch betrachteten sie sich gegenseitig von allen Seiten, als sie plötzlich etwas Rotes den Hang hinaufsteigen sahen.

 

„Die Farbe ist auch im Regenbogen" stellte Gelbkind erstaunt fest. Die drei winkten Rotkind zu.

„Wer seid ihr? Und was wollt ihr hier?", fragte Rotkind außer Atem.

„Ich bin gekommen, um von hier oben besser an die Farben des Regenbogens reichen zu können", sagte Grünkind.

„Ich auch", sagten die anderen wie aus einem Munde.

„Aber er ist immer noch zu hoch".

Enttäuscht blickten die vier in den Himmel. Doch dann hatte Blaukind eine Idee: „Lasst uns tanzen! Dann sind wir selbst so bunt wie der Regenbogen!"

Die Idee gefiel den anderen.

 

Erst stellten sie sich nebeneinander und hüpften mal nach links, mal nach rechts. Oder sie liefen hintereinander her. Schließlich tanzten sie völlig durcheinander. War das ein buntes Bild! Noch bunter und fröhlicher als ein Regenbogen. Es gefiel ihnen so gut, dass sie sich gegenseitig etwas von ihrer Farbe abgaben. Rotkind hatte auf einmal eine grüne Nase und Gelbkind blaue Haare. Grünkinds Lippen waren plötzlich gelb und Blaukind hatte rote Punkte auf dem Po. Die Vier bogen sich vor lachen. Und weil von jetzt an ihre Welt bunt, lustig und aufregend war, konnten sie sich kaum noch vorstellen, dass sie früher einmal Langeweile gehabt hatten.